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Der letzte Luzerner Trampilot

Alfred Keller war Tramführer bei vbl – ein Beruf, den es in Luzern nicht mehr gibt. Er erinnert sich an spezielle Erlebnisse und an die Unterschiede zwischen Bus und Tram.

11.11.1961: Zum letzten Mal fährt Alfred Keller als Tramführer mit dem «Einer» zwischen Kriens und Maihof. Heute ist er 99 Jahre alt. Und er ist der einzige noch lebende Tramführer in der Stadt Luzern. Das Emotionale hat er bewahrt, merke ich bei meinem Besuch bei ihm zu Hause an der Spannortstrasse. Er kann sich ereifern, wenn er Episoden oder Begegnungen aus seinem langen Leben erzählt. Und er freut sich darüber, lacht im Nachhinein. Die Verbitterung, manchmal der böse Blick, die mir heute oft in Gesichtern von älteren Männern begegnen, sind ihm fremd.

Er kommt mit dem Journalisten gleich auf die Tageszeitung zu sprechen. 70 Jahre habe er jetzt die LNN, korrigiert dann auf Luzerner Zeitung. Alfred Keller ist spürbar zufrieden und «zwäg». Er haushaltet selber, kocht täglich für sich. Von 1946 bis 1961 arbeitete er als Tramführer für vbl, nachher noch acht Jahre bis 1969 als Buschauffeur.

Acht Stunden stehen, und keine
Heizung

Wenn er heute als Fahrgast mit den vbl-Bussen unterwegs ist, denkt Alfred Keller: «Die haben heute wunderbare Fahrzeuge zur Verfügung. Wir hätten uns die Finger geleckt. Neben alten Luzerner Trams standen solche aus Zürich im Einsatz. Tramanhänger kamen aus Basel. Und zwei Tramwagen waren früher in Berlin unterwegs. Erst 1949 erhielten wir zehn neue Trams, sogenannte Hundertplätzer, bei denen man hinten und vorne ein- und aussteigen konnte.» Die neuen Tramwagen kamen vorwiegend in der Nacht zum Einsatz. «Das Sitzen war schon eine Erleichterung », sagt Keller. «Vorher mussten 7 Alfred Keller wir als Tramführer acht Stunden stehen, im Winter ohne Heizung.»

Und der Fahrstil der Chauffeure heute? «Es ist sehr unterschiedlich. Der eine hat Gefühl fürs Fahren, der andere weniger. Frauen fahren mit mehr Gefühl, habe ich den Eindruck.» Das Angebot von vbl sei heute grossartig, sagt Keller. Kontakte zum Fahrpersonal hat er keine mehr. Das hat seine Gründe. «Im Dezember 1969 habe ich mit 50 Jahren in den Bürodienst gewechselt. Ich arbeitete beim Amtsgericht Luzern-Stadt nach einer Weiterbildung in der Buchhaltung.» Verantwortlich für diesen Wechsel war Franz Kurzmeyer, der damals Amtsrichter und auch Präsident des vbl-Personalverbandes war. In diesem Verband wirkte Alfred Keller im Vorstand und betreute den Rechtsschutz. Nach einem Todesfall am Amtsgericht suchte Kurzmeyer möglichst schnell einen Ersatz. War das gut, dieser Wechsel? «Sicher», sagt Keller heute. «Ich schätzte die geregelte Arbeitszeit. Zudem konnte ich es immer gut mit Zahlen. In der Gewerbeschule in Münchenbuchsee bei Bern staunten die Sekundarlehrer immer über meine Leistungen, weil ich mit nur zwei Jahren Sekundarschule mehr wusste als die Berner mit vier Jahren Sekundarschulzeit. In der Mathematik und Geometrie hiess es oft, wenn ihr nicht mehr weiterwisst, müsst ihr den Keller fragen. Das war einfach mein Talent.» Und plötzlich erinnert sich Alfred Keller an die Sekundarschulzeit in Sempach. «1933 fuhr ich während zwei Monaten mit den Schlittschuhen von Nottwil nach Sempach über den See. Später, als Schnee fiel, nahmen wir den Weg mit dem Velo auf.»

Die Maus in der Znüni-Tasche

Was geht Alfred Keller durch den Kopf, wenn er an die Tramführerzeit zurückdenkt? An eine eher lustige Episode erinnert er sich gut. «Ich war am frühen Morgen mit dem ‹Zweier› von Luzern nach Emmenbrücke unterwegs. In der Viscose arbeiteten damals viele Frauen, die in Luzern im Untergrund morgens früh aufs Tram gingen. Sie arbeiteten in zwei Schichten, von morgens sechs bis zwei Uhr am Nachmittag, oder dann von zwei bis zehn Uhr abends. Es war bei der Haltestelle Grenzweg, als ein paar Frauen zustiegen. Ich hatte Billeteurdienst. Die Frauen hatten immer ein Znüni in ihrer Tasche. Eine suchte ihr Abonnement, als ich kam. Und plötzlich springt eine Maus aus der Tasche. War das ein Geschrei! Und die Frauen stiegen auf ihre Sitzplätze. Dieses Erlebnis ist mir geblieben.»

Eine weitere Anekdote: «Beim Kasernenplatz kreuzten damals die Tramgeleise. Plötzlich hatten wir einen Velofahrer zwischen den beiden Trams, die kreuzten. Er fuhr dem Tram aus Richtung Luzern vor und übersah, dass von der Gegenseite der Wagen aus Emmenbrücke entgegenkam, den ich geführt hatte. Beide leiteten eine Vollbremsung ein. Doch der Velofahrer war schon weg über alle Berge.»

Zwei Tramlinien

Das vbl-Netz bestand in diesen Jahren lediglich aus den beiden Tramlinien 1 und 2 von Kriens in den Maihof und vom Bahnhof nach Emmenbrücke. Die Linie nach Emmenbrücke wurde schon 1960 auf Trolleybus umgestellt. Und am 11. November 1961 fuhren die letzten Trams nach Kriens und in den Maihof. Der Frühdienst begann morgens um 4.45 Uhr und dauerte bis gegen Mittag um 12.30 Uhr, der Mitteldienst begann etwa um 10 Uhr und war ein sogenannter Dreiteiler. Der Spätdienst löste den Frühdienst ab, hatte eine Nachtessenspause und endete um halb eins in der Nacht. In jedem Dienst gab es Pausen, Unterbrüche. «Wir hatten damals die Fünftagewoche, zuerst einen Spätdienst, dann drei Tage Mitteldienst und einen Frühdienst. Dann folgte ein freier Tag, und nachher begann man wieder mit dem Spätdienst. So kam man auf nahezu zwei freie Tage.»

Was war schwierig als Tramführer? Alfred Keller muss nicht lange überlegen: «Schwierig war es im Herbst, wenn Laub auf den Strassen lag. So wurde der Bremsweg für das Tram viel länger als bei trockenem Wetter. Zudem waren damals die grossen Strassenzüge viel enger als heute.» Das war mit ein Grund für die Umstellung auf Busse. Heute würde man wohl das Tram beibehalten, wie das in Zürich und Basel gemacht worden ist. Es kann fahren, auch wenn die Strassen von den Autos verstopft sind. Und es hat gemäss Strassenverkehrsgesetz mehr Rechte als der Autobus.

Billette verkaufen und knipsen

Was die Arbeit betrifft, schränkt Alfred Keller ein: «Das Busfahren war wegen dem kleineren Bremsweg einfacher. Ich habe ja beides erlebt. Mit dem Tram wusste man oft nicht, ob man in einer brenzligen Situation noch anhalten könne. Das Herz schlug öfters etwas schneller.» Am Anfang sei die Arbeit als Buschauffeur anstrengend gewesen. «Man war allein, weil es keine Billeteure mehr gab. Neben der Führung des Busses mussten wir vorne Billette verkaufen und knipsen, weil es noch keine Automaten gab. Da standen in Stosszeiten oft bis zu zwanzig Personen am Eingang. Nur die Leute mit einem GA konnten hinten einsteigen. Kontrolleure nahmen ab und zu Stichproben vor.»

Was war schön am Beruf als Tramführer und Buschauffeur? «Das Bergsteigen an einem freien Werktag.» Da lacht er, der Alfred Keller. «Mein Hobby war neben der Schreinerei der Familiengarten. Mehr als 50 Jahre hatte ich den Garten in der heute überbauten Eichmatt zwischen Moosmatt- und Eichmattstrasse. Das war mein Abendvergnügen.» Und die Arbeit am Holz. Schliesslich hat Alfred Keller eine Schreinerlehre gemacht. Zu Hause stehen ein Geschirrschrank, ein massiver Tisch mit sechs Stühlen, alles Unikate, geschaffen aus Ulmenholz. Die Arbeit liegt weit zurück, zur Hauptsache in den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts. «Ich schuf die Möbelstücke in der Freizeitwerkstatt des Gesellenvereins im damaligen Kolpinghaus an der Friedenstrasse», sagt Keller. Und er ist stolz auf sein Werk.

Konrad Adenauer eingeladen

Zudem war da noch einiges los in der Freizeit. Keller war Gründungsmitglied im Bocciaklub von vbl Anfang der 1950er-Jahre. Fast hätte er dem Verein einen sehr hohen Besuch verschafft. Im Wissen darum, dass der damalige deutsche Kanzler Konrad Adenauer oft auf den Bürgenstock kam und dort Boccia spielte, lud er ihn zur Besichtigung der Anlage in Luzern ein. «Adenauer kam nicht, entschuldigte dies aber mit einer schriftlichen Antwort mit persönlicher Unterschrift. Auf die bin ich heute noch stolz», sagt Alfred Keller. Dass die Kollegen ihn damals etwas auf den Arm nahmen wegen dieser Geschichte, lässt ihn kalt.

Ein Jahr nach dem Tod seiner Frau im September 2010 begann Alfred Keller, beim Plauschtanzen in der Pauluspfarrei mitzumachen. «Ich habe früher nie getanzt und musste mit 91 Jahren alles von Grund auf lernen. Ich bin heute noch dabei. Und es gefällt mir.» Zwischen 30 und 40 Personen sind da immer dabei. Da könnte ich ja auch noch mitmachen, sage ich beiläufig. «Sicher, es hat ohnehin immer zu wenig Männer dabei», schiebt Keller nach.