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Er kennt zwei Bus-Welten

Der 35-jährige Martin Roth ist Autobuschauffeur bei vbl. Geboren ist er in Chile. Dass jetzt die alten Luzerner NAW-Trolleybusse ausgerechnet in seiner Heimatstadt Valparaíso fahren, berührt ihn emotional sehr stark.

Martin Roth, Sie arbeiten seit gut einem Jahr bei vbl. Welchen Bezug haben Sie zu Chile?

Chile ist mein Heimatland. In Valparaíso bin ich geboren. Mit sechs Jahren bin ich in die Schweiz gekommen und bin dann als junger Erwachsener wieder für fast elf Jahre nach Chile zurück.

Ihr Name und Ihre Sprache verraten Sie aber nicht als Südamerikaner ...

Das ist richtig. Mein Urgrossvater wanderte nach Argentinien aus, nachdem er in Patagonien, ganz an der Südspitze von Südamerika, als Anthropologe tätig gewesen war. Irgendwann zogen seine Nachkommen über die Grenzen nach Chile, wo ich geboren bin. Mein Vater arbeitete in Chile für die Firma Bosch, nahm dann später aber ein Stellenangebot für Bosch in Luzern an und zog mit der Familie hierher.

Nach der Schulzeit kehrten Sie nach Chile zurück. Was bewog Sie dazu?

Chile ist und bleibt meine andere Heimat. Ich wollte dieses Land kennen lernen, wollte die Sprachkenntnisse verbessern, und ich konnte dort eine Hotelfachschule absolvieren. Da ich meine Frau kennen lernte, blieb ich länger als ursprünglich geplant. Nach der Trennung von meiner Frau kehrte ich nach Europa zurück.

Sie waren viele Jahre im Gastgewerbe tätig, arbeiteten sogar auf einem Kreuzfahrtschiff. Warum arbeiten Sie nun bei vbl?

Bei meiner Arbeit war mir der Kundenkontakt immer sehr wichtig. Irgendwie hatte ich aber genug vom Gastgewerbe und wollte etwas Neues entdecken. Ich fühle mich als Luzerner, ich liebe den Kundenkontakt, und ich bin gerne im Verkehr unterwegs – was gibt es da naheliegenderes denn als Buschauffeur bei vbl zu arbeiten? Da ich damals arbeitslos war, habe ich an einem RAV-Programm teilgenommen, konnte bei vbl ein Praktikum absolvieren und erhielt letztes Jahr eine Festanstellung.

vbl hat letztes Jahr 10 NAW-Trolleybusse nach Chile verkauft, in Ihre Heimatstadt Valparaíso.

Das ist sehr emotional für mich. Und ich habe eher zufällig davon erfahren.

Wie denn?

Wir hatten einen Mitarbeiteranlass bei vbl, und ich sass zufällig am gleichen Tisch wie unser Direktor. Er hat von diesem Verkauf erzählt – und ich davon, dass Valparaíso meine Geburtsstadt ist. So kam ich auch ins Spiel, als Übersetzer für die chilenischen Mechaniker zu wirken, die in Luzern die Busse kennen lernen sollten. Die Chilenen waren sehr überrascht, dass da einer aus Valparaíso in Luzern arbeitet. Carlos, der Chefmechaniker, hat mittlerweile auch meine Familie in Chile getroffen. Wir haben heute noch immer Kontakt zueinander.

Die nach Chile verkauften NAW-Trolleybusse sind 25-jährig. Was bedeuten diese alten Busse für die Chilenen?

Für die chilenischen Verhältnisse sind die NAW-Busse neue Busse. Denn die übrigen Trolleybusse in Valparaíso stammen aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Valparaíso ist ein Unesco-Weltkulturerbe und mit dem Stadtbild auch die alten Trolleybusse. Idealerweise fahren unsere Luzerner Busse in der Stadt noch rund 40 Jahre. Die Frage ist halt, wie stark die Chauffeure Sorge tragen zu den Fahrzeugen.

Nutzen denn die Chilenen den öffentlichen Verkehr überhaupt?

Ja, das System hat sich in den letzten Jahren stark verbessert. Früher stand jeder Busfahrer in Konkurrenz zum anderen. Heute gibt es ähnlich wie bei uns einen Tarifverbund. Sehr viele Chauffeure haben einen Fixlohn, die Bus- und Bahnverbindungen, in der Hauptstadt Santiago auch die U-Bahn, werden aufeinander abgestimmt. Viele Menschen sind in Chile auf den öffentlichen Verkehr angewiesen, weil sie sich kein eigenes Auto leisten können oder weil sie sich dem hektischen Verkehr nicht aussetzen wollen. In Valparaíso gibt es kein grosses Trolleybusnetz, es fahren auch so genannte «collectivos» und Mikrobusse. Aber im Stadtzentrum werden sicher viele Fahrgäste unsere NAW-Trolleybusse schätzen.

Wenn Sie das nächste Mal nach Chile reisen ...

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